Machen Sie Mädchen stark – Jetzt Pate werden mit Plan

Hamburger Abendblatt | 18. September 2006

Senta Berger und die Mädchen dieser Welt

Lübeck: Ausstellung über die Probleme der Kinder in Entwicklungsländern. Schauspielerin eröffnet Erlebnisschau des Kinderhilfswerks in der Völkerkundesammlung.

Gewalt, Hunger, Krankheit - das bestimmt den Alltag von Millionen Kindern in der Welt. In den meisten Ländern, in denen Kinder Benachteiligungen erfahren, sind Mädchen weitaus schlimmer betroffen als Jungen. Wie das Leben für Mädchen in Indien, in der Sahel-Region und in den Anden aussieht, zeigt das Kinderhilfswerk Plan International jetzt mit der Erlebnisausstellung "Weil wir Mädchen sind" in der Lübecker Völkerkundesammlung. Gestern wurde sie von der Schauspielerin Senta Berger eröffnet.

Wie sie dazu kommt, sich um die Mädchen der Welt zu kümmern? Senta Berger berichtet von einem Besuch mit Plan International in Nepal. Ein Mädchen in zerlumpter Kleidung kam ihr da entgegen, und als sie noch überlegte, wie der Familie wohl zu helfen sei, sah sie den Sohn in guter Verfassung und in eine ordentliche Schuluniform gekleidet. Das war der Beginn der Ausstellung. Und die ist wahrhaft bemerkenswert.

Wie ist es, ein Mädchen in Indien zu sein, aufzuwachsen in einer Gesellschaft, in der den Jungen die Welt offen steht und die Mädchen wenig gelten. In der der Alltag aber auch bunt ist? Wie zieht man einen Sari an, wie bemalt man sich die Hände mit den geheimnisvollen Henna-Mustern?

Oder wie ist es, Mädchen im Sahel zu sein, wo Genitalbeschneidungen uralte Tradition sind, wo Wasser knapp ist. Wie stampft man Hirse, wie transportiert man einen Krug auf dem Kopf?

Und in den Anden? Wie mag sich ein Mädchen fühlen, das überall von Gewalt bedroht ist und nirgends auf Hilfe hoffen darf. Wie handelt man auf einem Markt in Ecuador, wie riecht es dort?

Die Ausstellung ist gedacht für Menschen von acht Jahren an. Die erschreckendsten Themen der fremden Welten (Abtreibung, tödliche Vernachlässigung, Genitalbeschneidungen, Gewalt bis hin zu Vergewaltigung) werden zum Schutz junger Besucherinnen in extra Kammern behandelt. Der übrige Alltag blättert sich jeweils allen Sinnen auf. Sicher ist schon jetzt, dass diese Erlebnisausstellung einer der ganz großen Würfe im norddeutschen Raum ist: unterhaltsam, bunt, spannend, lehrreich im besten Sinne. Lübeck ist die zweite Station. 48 000 Besucher sahen sie vorher schon in Hannover.

"Weil wir Mädchen sind", bis 18. März, Völkerkundesammlung Lübeck, Parade 10, Di-So, 10-17 Uhr, Eintritt: 3/1 Euro

erschienen am 18. September 2006 im Hamburger Abendblattie dünne Matte - beim Probeliegen ganz schön hart. Die Probearbeit an der Teppichknüpfmaschine - ganz schön anstrengend. Der Wasserkrug, sekundenweise auf dem Kopf getragen - ganz schön schwer. Unvorstellbar, damit stundenlang von einem Brunnen ins Dorf zu laufen. Für Millionen Mädchen auf der Welt ist das, was Kinder und Erwachsene am Sonntag schon mal in der Lübecker Völkerkundesammlung testen durften, bittere Realität. Täglich. Ohne Aussicht auf Besserung.

Um deutsche Kinder in die ferne Lebenswelt benachteiligter Mädchen in der dritten Welt eintauchen zu lassen, hat das Kinderhilfswerk Plan International die Wanderausstellung "Weil wir Mädchen sind" konzipiert. Nach der erfolgreichen Premiere in Hannover mit mehr als 45 000 Besuchern ist die Schau nun bis Mitte März in Lübeck zu sehen.

Die Schirmherrin ist Senta Berger. Die Schauspielerin war am Sonntag höchstpersönlich in der Stadt, um nach einem starken Eröffnungsprogramm mit einem Grußwort von Bürgermeister Bernd Saxe, Breakdance, Musik und Textbeiträgen von Schülern der Baltic-Gesamtschule die Ausstellung offiziell zu eröffnen.

Sie habe auf ihren Reisen in die Dritte Welt Musikschüler erlebt, die vor ihrer Schule in der Schlange standen, nur um mit einem einzigen Musiklehrer zehn Minuten am Klavier spielen zu können. Schüler in Nepal, die in schäbigen Schuluniformen morgens und abends jeweils drei, vier Stunden zu Fuß zu ihrer Schule liefen.

"Solche Erlebnisse führen uns auch die Kostbarkeit der Bildung vor Augen, die wir schon gar nicht mehr als solche wahrnehmen", so Berger. Die Ausstellungsmacher hätten Wert darauf gelegt, mit möglichst wenig Text zu arbeiten. Vielmehr sollte der Inhalt der Mädchenkampagne fühlbar gemacht werden. So lobte auch Bürgermeister Bernd Saxe, das Publikum könne in der interaktiven Schau eine Reise erleben - hin zu fernen Kulturen. "Das passt zur Weltoffenheit unserer Hansestadt."

Das ist das Konzept: hören, sehen, riechen und fühlen, was die fernen Lebenswelten ausmacht. Gezeigt wird das exemplarisch anhand der Lebensgeschichte dreier Mädchen - aus dem afrikanischen Sahel, aus Indien und aus den Anden. Aus sehr persönlicher Perspektive wird großen und vor allem kleinen Besuchern ein lebendiger Eindruck vom Alltag und manchmal nicht unproblematischen Familienleben der Mädchen vermittelt.

Wie Marianne M. Raven, Geschäftsführerin von Plan Deutschland, bei der Eröffnung berichtete, gibt es nicht nur die Armen in der Dritten Welt. Unter ihnen werde noch mal unterschieden: zwischen Jungen und Mädchen. Das Wenige, das die Familien besitzen, kommt eher den Jungen zugute. Die Mädchen sterben früher und häufiger: an Vernachlässigung, Mangelernährung, vermeidbaren Krankheiten. Sie haben weitaus schlechtere Chancen, aus ihrem Elend auszubrechen. Die meisten besuchen gerade mal zwei Jahre lang eine Grundschule. "Die Schau lädt somit auch dazu ein, diese fremden Lebenswelten mit der eigenen in Deutschland zu vergleichen", so Raven.

Die Ausstellung "Weil wir Mädchen sind" ist noch bis zum 18. März in der Völkerkundesammlung, Parade 10, zu den Öffnungszeiten des Museums zu sehen: dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr. Der Eintritt beträgt zwischen einem und drei Euro.



Von Karin Lubowski
Weil wir Mädchen sind... Eine Erlebnisausstellung vom Kinderhilfswerk Plan
25. Januar bis 26. Mai 2012 | Käfigturm – Ein Polit-Forum des Bundes, Bern/Schweiz